Macht und Verantwortung

Ein Workshoptag mit UK in Dortmund nahm den Kulturwandel in der Kirche in den Blick

Viele erleben den Wandel in der Kirche als belastend – zugleich wächst der Wunsch, ihn aktiv mitzugestalten. Ein Work­shop­tag in Dortmund bot Raum für Austausch, Klärung und Ermutigung.

Von Gerd-Matthias Hoeffchen

Dortmund. Macht ist weder gut noch schlecht – aber sie spielt immer eine Rolle, wenn Menschen miteinander zu tun haben. Mit diesem Gedanken eröffnete Präses Adelheid Ruck-Schröder, leitende Theologin der Evangelischen Kirche von Westfalen (EKvW), den Workshoptag „Kirche. Macht. Veränderung“ in Dortmund. Macht ist aber auch eine Chance, sagte Ruck-Schröder, nämlich „wirksam zu werden, Entscheidungen und Interessen durchzusetzen, auch gegen den Willen anderer“. Gerade die Kirche, so die Präses, müsse darauf achten, ihre Macht glaubwürdig zu gestalten.

Knapp 60 Teilnehmende aus allen Bereichen des kirchlichen Lebens waren dem Aufruf der evangelischen Zeitung UK – Unsere Kirche – und der westfälischen Landeskirche gefolgt. Einen Tag lang diskutierten sie in den Räumen der Bank für Kirche und Diakonie (KD-Bank), hörten Impulse, brachten ihre Erfahrungen ein und arbeiteten in Workshops.

„Dieser Tag ist eine Einladung“, erklärte Bernd Becker, Verleger und Herausgeber von UK. „Nämlich gemeinsam darüber nachzudenken, wie der Kulturwandel in der Kirche gelingen kann.“ Aus der Arbeit der Wochenzeitung wisse man, wie groß die Herausforderungen in Gemeinden, Einrichtungen und Landeskirche sind – auch deshalb habe sich UK zusammen mit der EKvW zu diesem Workshoptag entschlossen.

In ihrem Impuls nahm Ruck-Schröder die Kirchenordnung in den Blick. Die regle Macht: „Wer in der Kirche was entscheidet und wer welche Rolle und Verantwortung im Gesamtgefüge hat“. An der laufenden Revision der Kirchenordnung zeige sich wie in einem Brennglas, wie tiefgreifend der Wandel sei – von der Neuordnung der Leitungsämter über die Reorganisation des Landeskirchenamtes bis zu Vereinigungsprozessen in den Kirchenkreisen.

„Ich bin seit sechs Monaten Präses“, sagte sie. „Mein Auftrag besteht darin, die grundlegenden Veränderungsprozesse, die schon vor mir begonnen wurden, entschlossen voranzutreiben.“ Parallel zu Veränderungen an der Spitze habe sich die Praxis vor Ort längst verändert: „Wir sind in Schwung gekommen. Manchen Mitarbeitenden wird dabei aber schwindlig.“

Kritisch blickte Ruck-Schröder auf die bisherige Gremienlogik. Presbyterien, Synoden, Kirchenleitung, Landeskirchenamt, Dezernate – sie alle seien durch eigene kirchliche Rechtssetzung verfasst und von einem starken Konsensprinzip geprägt. Das habe lange funktioniert, wirke heute jedoch oft träge und wenig beweglich. Entscheidungen würden auf viele Schultern verteilt, Verantwortung bleibe diffus, ohne dass klar werde, wer wofür erkennbar einsteht. Eine der Aufgaben sei es daher, Macht klar zu mandatieren, verantwortliche Personen zur transparenten Ausübung von Macht zu ermächtigen, Kontrollinstanzen zu stärken und Verantwortung einzufordern.

Wie sich dieser Kulturwandel ganz praktisch anfühlen kann, wurde in drei Workshops deutlich.

Im Workshop „Miteinander streiten – Konflikte als Chance in kirchlichen Kulturen“ mit Matthias Mißfeldt ging es um die Kunst, Konflikten nicht auszuweichen. „Kontakt gibt’s nur an der Grenze“, lautete ein Kernsatz – dort, wo unterschiedliche Positionen aufeinandertreffen. Anhand von Beispielen übten die Teilnehmenden, klare Kante zu zeigen, ohne den Kontakt abzubrechen – ein Gegenentwurf zur verbreiteten Harmonieneigung in kirchlichen Gremien.

Im Workshop „Corporate Behaviour – Wenn Werte sichtbar werden“ mit Thorsten Huith erarbeiteten die Teilnehmenden, wie sich die Werte im Verhalten zeigen. Statt abstrakter Leitbilder standen Haltungen im Mittelpunkt: Wertschätzung auf Augenhöhe, ein neues Miteinander von Haupt- und Ehrenamtlichen, gegenseitiges Befähigen. Wichtige Botschaft: Veränderung gelingt eher, wenn sie in kleinen Schritten gedacht wird.

Neue Freiräume heißen: mehr Verantwortung

Im Workshop „Freiheit zur Verantwortung – Die revidierte Kirchenordnung als Ermöglichung“ mit Jutta Beldermann und Rebecca Basse ging es um die Spannung zwischen neuen Freiräumen und wachsender Verantwortung. Viele wünschten sich mehr Freiheit, ohne immer mitzudenken, dass das auch mehr persönliche Verantwortung bedeutet. Die Teilnehmenden klärten zunächst, in welchen Bereichen sie Verantwortung tragen und wie jede Aufgabe über den eigenen Zuständigkeitsbereich hinaus auf das Ganze wirkt.

Anschließend diskutierten sie entlang der drei Leitprinzipien der KO-Revision – Freiheitsorientierung, Körperschaftsstatus, „Form follows Function“ –, welche Spielräume entstehen und wo Rollen, Zuständigkeiten und Abläufe künftig klarer gefasst werden müssen.

Viele erlebten den Tag als Entlastung. „Man kommt hier hin, voll mit Problemen – auf allen Ebenen merkt man, dass sich Dinge ändern müssen. Heute habe ich festgestellt: Ich bin damit nicht allein“, sagte eine Teilnehmerin. Dieser Tag zeige, dass die Probleme erkannt würden. „Das gibt mir ein gutes Gefühl.“

Zugleich stand die Ermutigung im Mittelpunkt. „Wir haben es in der Hand, wir dürfen gestalten – das habe ich heute mitgenommen“, sagte ein Teilnehmer. Etliche nahmen besonders den Gedanken der kleinen Schritte mit: Es seien viele Veränderungen, „aber wir müssen nicht alles auf einmal bewegen, wir dürfen klein anfangen.“

Am Ende des Tages verteilte Bernd Becker Origami-Bastelbögen: Aus dem Papier können die Teilnehmenden zu Hause eine Taube falten. Sie steht nicht nur für den Heiligen Geist, sondern erinnert auch an die biblische Noah-Geschichte – als Bild der Hoffnung, dass die Flut nicht das letzte Wort behält. Becker knüpfte dabei an ein Wort aus der UCC („United Church of Christ“, USA), einer Partnerkirche der westfälischen Landeskirche, an: „Never make a period where God makes a comma“ – mach keinen Punkt, wo Gott ein Komma setzt. Für diesen Tag passte dieser Satz: Nicht aufhören, wo Gott noch Zukunft will.

VERANSTALTER

Ev. Presseverband für Westfalen und Lippe e.V.
Ev. Kirche von Westfalen

ANSPRECH­PARTNER:INNEN

Bianca Rolf
Kompetenzzentrum Ehrenamt, EKvW

Dr. Charlotte Nieße
Beauftragte für den Umgang mit Verletzungen der sexuellen Selbstbestimmung, EKvW

Ursula Steiner
Ev. Presseverband für Westfalen und Lippe

Bernd Becker
Vorstand Ev. Presseverband für Westfalen und Lippe

DATENSCHUTZ